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160 Jahre

  • 1857: Plakat und Theaterzettel zum Stück «Circus Carneval, Sturz der Natur, Triumph der Kunst».



    1863: Eine Schweizer Delegation ins exotische Japan inspirierte die Schwyzer Gesellschaft bei ihrer Namensgebung.



    1898: Mandarinengruppe aus «Prinz Karnevals Reise in den Mond».



    1907: Figuren aus dem Spiel «Das Glück in der Heimat».



    Im zu Ehren führen die Japanesen jeweils ein Spiel auf: dem Hesonusode, seiner Gemahlin und dem Hofstaat.
  • Die 160-jährige Geschichte der Japanesen Schwyz

    Alle Spiele seit 1857

    Die Anfänge der Japanesengesellschaft reichen in das Jahr 1857 zurück. Damals fanden sich einige «Freunde des tollen Lebens», wie es im ältesten Protokollband in einem Rückblick auf die ersten Jahre heisst, zusammen, um neben der üblichen Strassenfasnacht noch etwas zu organisieren, was nicht allzu müde Beine mache wie das Nüsseln, der schwierige Schwyzer Narrentanz zum Trommelschlag. Man kam auf die Idee, eine Revue aufzuführen. Sie trug den Titel Circus Carneval, Sturz der Natur, Triumph der Kunst. Darin machte man sich unter anderem über gewisse politische Fakten und Institutionen lustig. Bereits 1860 wurde eine zweite Revue Der Kongress und die Moden aufgeführt. Schon auf dem Plakat zur ersten Revue heisst es, dass die Gesellschaft des Circus soeben mit ihrer Vorstellung auf der kaiserlichen Tanzdiele in China fertig geworden sei und nun nach Schwyz komme. Das war ein Jahr nach dem wohl ersten Gastspiel des Zirkus Knie in Schwyz. Der geneigte Leser sieht: ein rechtes Mass an Exotischem schon damals. Da wird die kaiserliche Tanzdiele in China erwähnt, und erst kürzlich konnte man sein Auge an der faszinierend unbürgerlichen Welt des Zirkus weiden.

    Im Jahr 1863 kam es zu einem ersten Fasnachtsspiel. Es trug den Titel Die Schweiz in Japan. Grosses japanesisch-schwyzerisches Hof- und Volksfest in Jeddo-Schwyz. Sein Verfasser war Ambros Eberle, Zeitungsverleger, Kanzleidirektor, später Nationalrat, Hotelgründer, Verfasser eines Berichts über die wirtschaftliche Lage des Kantons Schwyz usw. Man sieht, ein Mann mit einem breiten Wirkungsfeld. Er gehörte zu jenen Leuten, die das nach dem Sonderbundskrieg und der Ablehnung der neuen Verfassung von 1848 durch Schwyz angeknackste Selbstbewusstsein wieder zu stärken versuchten. Das Spiel Die Schweiz in Japan baut auf der Tatsache auf, dass im Jahre 1863 eine schweizerische Wirtschaftsdelegation in Japan Kontakte anzuknüpfen versuchte. Als man spielte, war die Delegation erst auf See und noch lange nicht vor Japan angelangt. Japan war neben China wohl das exotische Land par excellence. Man wusste wohl einiges über die Jesuitenmission, letztlich aber blieb das Land, das sich eine Selbstisolation auferlegt hatte, ein Rätsel. Man wusste so wenig von diesem Japan, dass man seiner Phantasie freien Lauf lassen konnte. Das zeigen unsere Kostüme noch heute: Da findet sich von Burma bis China und Japan alles. Und die höchsten und faulsten Würdenträger des japanesischen Reiches zu Yeddo-Schwyz heissen schön chinesisch Mandarine und wirken auf Japaner wohl so, wie ein japanischer Jodelclub nach Manier der Schweiz, gekleidet in Krachlederne, mit einem Gamsbart auf dem Hüeterl. Aber was soll's, Fasnacht ist Fasnacht - und folgt ihren eigenen Gesetzen. Und eines heisst Verfremdung.

    Zurück zum Spiel von 1863. Es war mit einem ersten finanziellen Erfolg verbunden. Grund genug, sich gleich eine bessere Vereinsstruktur zu verpassen. Jetzt brauchte man nur noch einen ausgefallenen
    Namen, und dieser bot sich aus dem Stück selber an: Japanesen. «Freunde des tollen Lebens» klang doch wohl zu hiesig, auch wenn es seit dem Saubannerzug ein echt eidgenössisches Narrenvolk meinte. Japanese, japanesisch war übrigens damals der übliche deutsche Ausdruck für heutiges Japaner und japanisch. Er findet sich auch in den Berichten des damaligen Legationssekretärs Kaspar Brennwald aus Japan im schweizerischen Bundesblatt.

    Die Japanesen bilden einen Kontraststaat zu Schwyz, das sie westlichen Nachbarstaat oder westliches Reich nennen. Sie selber verkörpern das japanesische Reich zu Yeddo Schwyz. Yeddo nach Edo, dem historischen Tokio. Alljährlich findet am 6. Januariu, dem Dreikönigstag, die Reichsversammlung statt. An ihr werden verschiedene Protokolle und Reden vorgetragen, die, ob Sitzungsprotokoll, Thronrede, Kassabericht oder was auch immer, stets gespickt mit kritisch-satirischen Bemerkungen zum verflossenen Jahr sind. Dieses närrische Reich blüht jeweils gegen Ende Jahr auf, flackert zu närrischem Feuer auf und versinkt spätestens am Aschermittwoch wieder in den wohlverdienten Sommerschlaf. Bis vor kurzem handelte es sich um eine reine Männergesellschaft, der die Frauen bei Spielen als Helferinnen immer willkommen waren. Jetzt können auch Frauen bis in die höchsten Reichsränge aufsteigen. Und jede Person, die an einem Spiel auf irgendeine Weise mitwirkt, wird anschliessend Volljapanese auf Lebzeiten.

    Seit dem Erfolg von 1863 führt die Japanesengesellschaft periodisch - heute in einem Turnus von fünf Jahren - Fasnachtsspiele auf dem Hauptplatz von Schwyz durch. Für jede Spielsaison muss ein eigenes Spiel geschrieben werden, einzig ein gewisser Rahmen ist einzuhalten. Dem Kaiser mit seinem Hofstaat wird ein Spiel vorgeführt. Darin treten der Schuelherr Karlifranz als Repräsentant des Bürgers und der Träsmeren Jöretönel als jener des Bauern als ständige Figuren auf. Der Rest ist frei. Die beiden sich freund-feindlich gesinnten Vertreter aus dem Volk kamen erstmals im Spiel von 1907 vor und wurden von Paul Kamer zum zweiten Mal 1958 in sein erstes Spiel Urständ eingebaut und sind fortan zu zwei beliebten, in jedem neuen Spiel vorkommenden Gestalten geworden.

    Viktor Weibel, Archivariu, Schwyz

    Jubiläumsbuch «Hesonusode – Theater, Geschichte und Fasnachtskultur»

    Schweizerische Gesellschaft für Symbolforschung